Buchclub C1/C2 - Frausein | Rezension
- sabrina-mielke

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Im Januar und Februar 2026 haben wir im C1/C2 Buchclub das Buch "Frausein" von Mely Kiyak gelesen. Mit 6 Teilnehmenden haben wir 6 Wochen lang einmal pro Woche über die Sprache und den Inhalt des Buches gesprochen. Diese Rezension über das Buch stammt aus diesem Kurs von einer Teilnehmenden:

Frausein, erschienen 2020 im Hanser Verlag, ist ein autobiografischer Essay von Mely Kiyak, der sich aus kurzen Ausschnitten ihres Lebens episodisch, aber trotzdem thematisch zusammenhängend und akkumulativ zusammensetzt. Es wird geschildert, wie sie als Tochter einer Familie mit Migrationshintergrund, auf dem Weg von der Buchliebhaberin zur Schriftstellerin, vom Mädchen zur Frau versucht, ein vollständiges Bild von sich selbst zu erfassen und mitzuteilen.
Man erkennt sofort, dass die Autorin eine begabte Erzählerin ist, wenn man sieht, wie sie ihre Anekdoten beschreibt und darstellt. Diese werden nicht trocken wiedergegeben oder sofort analysiert, sondern mit Distanz reflektiert und poetisch vermittelt. Sie legt zwar offen, was sie dabei gefühlt oder gedacht hat, aber sie erläutert weder die Bedeutsamkeit noch die Bedeutung ihrer Erlebnisse. Es wird gezeigt und geschildert, was sie sah, was ihr zustieß und wie sie darauf reagierte. So erleben die Leserinnen und Leser ihr Leben in Fragmenten mit, die sich nach und nach zum Gesamtbild einer Person und ihrer Lebenswelt zusammenfügen.
Es gibt mehrere Gründe, warum die Leserinnen und Leser die Erfahrungen der Autorin gut nachvollziehen können, obwohl diese offensichtlich sehr persönlich sind. Aber wenn ich nur einen davon nennen müsste, würde ich argumentieren, dass es daran liegt, dass es sich um Themen handelt, mit denen sich irgendwann jeder im Leben auseinandersetzt: die Rolle der Familie, das Verlassen des vertrauten Elternhauses, die eigene Position in der sozialen und politischen Gesellschaft, die körperliche Veränderung vom Kind zum Erwachsenen, der Umgang mit der eigenen Sexualität. Daher sind die vielen kurzen Geschichten der Autorin zwar einzigartig und privat, aber zugleich auch allgemein und universell. Was die Autorin dabei so unglaublich hervorragend macht, ist, dass sie versucht, so ehrlich wie möglich zu sein, ohne sich zu rechtfertigen. Dadurch macht sie sich verletzlich, doch genau das verleiht ihren Erzählungen die Kraft, überzeugend zu wirken. Man spürt instinktiv, dass ihre Geschichten - so unvorstellbar sie einem zuvor auch erschienen sein mögen - real und wahr sind, dass das von ihr beschriebene und gefühlte Unrecht nicht akzeptabel ist und dass es in Ordnung ist, sich beim Versuch, sich in dieser Welt zurechtzufinden, unsicher und verwirrt zu fühlen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass man von ihrer Sichtweise zu den verschiedenen Themen automatisch ganz überzeugt ist. Nur, dass es verständlich wird, woher ihre Haltung rührt. Mich quälte ab und zu, dass manche ihrer Erfahrungen so ähnlich wie meine waren, aber dass sie daraus andere Einsichten gewann. Dass sie darauf anders reagierte. Dass sie zu einer teilweise gänzlich anderen Schlussfolgerung über sich selbst kam. Daher war mein einziger Kritikpunkt an dem Buch vielleicht der Titel: „Frausein“. Ich fühlte mich in der letzten Hälfte des Buches ständig hin- und hergerissen zwischen der Genialität des Titels und seiner Unzulänglichkeit. Am Ende habe ich mich damit abgefunden, dass diese Erzählungen ganz allein ihre eigenen sind, dass sie einzigartig ihr gehören. Dies war letztendlich ihr Versuch, die Frage zu beantworten, wer sie im Laufe ihres Lebens war und ist, und meine Geschichte und Schlussfolgerungen mussten natürlich anders ausfallen. Dass der Titel nämlich von ihrem Frausein und nicht von einem oder dem Frausein spricht.
Es ist erstaunlich, wie es der Autorin auf so wenigen Seiten gelingt - um Sabrina, unsere Kursleiterin, zu zitieren - “ein rundes Bild” von sich selbst zu zeichnen. Mit jeder Anekdote aus ihrem Leben fragte ich mich, wie meine eigene Erfahrung gewesen war. Welche Eindrücke und Erkenntnisse mich überfluteten und im Nachhinein leiteten. Allen, die einen kleinen Blick in das Leben einer anderen Person werfen wollen, und allen, die auf ihr eigenes Leben zurückblicken wollen, empfehle ich dieses Buch.
* Ein kurzer Hinweis besonders für Deutschlernende auf dem Niveau C1/C2: Das Buch ist leicht zu lesen. Der Sprachstil ist nicht besonders kompliziert und man kann ihm gut folgen. Aber weil die Autorin selten etwas direkt erklärt, sondern eher ihre Gedanken poetisch erfasst, müssen viele Ausdrücke metaphorisch verstanden werden. Sie schreibt vor allem über das Deutschland der 80er und 90er Jahre, das sie als Kind und Jugendliche mit Migrationshintergrund erlebte. Dies bietet eine Gelegenheit, mit einem kulturellen Aspekt Deutschlands in Berührung zu kommen, den man heute im Alltag beim Deutschlernen vielleicht nicht mehr so leicht erfährt. Empfehlenswert für Leute, die ihr Sprachgefühl im Deutschen erweitern oder testen wollen.
Rezension von K. aus dem Kurs C1/C2 Buchclub (Ja-Feb 2026), "Fausein" von Mely Kiyak.


